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11) Katzenjammer


Ich geb`s zu: Damit hatte ich nicht gerechnet! So eine Situation hatte ich nicht eingeplant. Ich sag`s mal rundheraus: Das war so nicht vorgesehen! Ich war völlig ratlos! Keine Ahnung, was ich tun sollte! Wie, was, ihr versteht nicht, was los war? Na, ganz einfach: Wir mussten in den Urlaub fahren und unser Herzilein zu Hause bleiben. So sah es aus! Das ging in meinen Kopf nicht rein! Ja, ja, ich weiß, eigentlich war ich anfangs nicht so der Katzenfreund. Aber hey, man kann sich doch auch ändern. Das zeugt dann von wahrer Größe. Tja, was soll ich sagen? Ich bin groß. Ganze stolze 1,80m, na bitte! Und ja, ich liebe unser Herzilein. Ein Tag ohne ihn ist schlichtweg unmöglich. Also, was tun? Natürlich rief ich sofort den Familienrat ein. Ergebnis? Wir beschlossen trotzdem in den Urlaub zu fahren, ganz klar. Zumindest für den Rest der Familie. Für mich vielleicht nicht ganz. Ich erwog verschiedene Optionen: Nummer 1: Ich bleibe zu Hause wegen akuten Katzenheimwehs. Ich mach`s kurz, das war für meine Familie inakzeptabel. Nummer 2: Herzilein reist mit! Ging nicht, in der Ferienwohnung sind keine Katzen, also generell keine Tiere erlaubt. Nummer 3: Herzilein reist heimlich mit! Funktionierte auch nicht, seine weißen Katzenhaare zieren wirklich jede Oberfläche. Ich war mir sicher, dass ich der Vermieterin nicht weißmachen (haha, kleines Wortspiel) konnte, sie stammten von mir oder meinem Mann. So ein Mist! Nummer 4: Wir brauchen einen Katzensitter! Das war es, so dachte ich. Fünf Minuten später machte sich Ernüchterung in mir breit: Denn im Netz hatte ich herausgefunden, dass diese Dienste eine satte Stange Geld kosteten und irgendwie fand ich das auch nicht so vertrauenswürdig. Erstens kannte ich denjenigen gar nicht und der sollte dann frei in unserem Haus verkehren? Nee, ich hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Außerdem war dann trotzdem unklar, ob der sich auch gut um unser Herzilein kümmerte. Fiel also auch weg. Nummer 5: Jemand Bekanntes musste sich um unser Herzilein kümmern! Das war es! Aber wer? Da fielen mir eigentlich nur die nettesten, liebsten und tierverrücktesten Nachbarn ein, die es gibt. Gebongt! Ach ja, da gab es nur noch ein klitzekleines anderes Problemchen: Sie haben einen Hund. Aber der konnte ja zu Hause bleiben. Erleichtert sprintete ich sofort zum Nachbargrundstück und trug ihnen mein Ansinnen vor. Begann ich meine Bitte anfangs noch absolut überzeugend, kam ich mit der Zeit immer mehr ins Straucheln. Mir fiel dabei auf, dass wir von ihnen verlangten, sich zwei Wochen, sprich vierzehn lange Tage um unser Herzilein zu kümmern. Das hieß, sie müssten jeden Tag da sein. Er brauchte genügend Fressi und vielleicht auch etwas Ansprache. Kuscheln wäre auch nicht schlecht. Ängstlich wartete ich auf ihre Antwort und hielt gespannt die Luft an, während ich völlig aufgewühlt dem Hund der Nachbarn wild durchs Fell kraulte. Ups, jetzt winselte er kurz. Ich hatte sein Ohr wohl etwas zu heftig durchgeknetet. Vielleicht sollte ich dies lieber nur mit meinen Fingern machen. Immer noch keine Antwort. Gerade als ich die Nachbarn erlösen und meine Anfrage zurückziehen wollte, um sie nicht in die Bredouille zu bringen oder unser nachbarschaftliches Verhältnis zu schwächen, gaben sie ihr Okay. Ich konnte es nicht fassen. Es klappte tatsächlich. Sie würden auf unser Herzilein aufpassen. Den Urlaub hatten wir schon lange, bevor Herzilein seinen Weg zu uns fand, gebucht. Sogleich schmiedeten wir einen Plan, wie die Versorgung des Katerchens genau aussehen könnte, ohne dass er am Ende einen Schaden nahm. Erleichtert berichtete ich kurz darauf meiner Familie die neuesten Entwicklungen. Was soll ich sagen? Sie waren begeistert! Wir johlten auf und klatschten uns ab. Der Urlaub konnte kommen. Doch je näher dieser tatsächlich rückte, umso nervöser wurde ich. Würde es ohne Herzilein auch ein schöner Urlaub werden? Und dann war es soweit. Ich musste Koffer packen. Seit Tagen kramten wir die unterschiedlichsten Dinge aus dem Keller: Klein zusammenklappbare Liegestühle, Strandmuscheln, Kescher, Sonnenschirm und mittendrin oder obendrauf lag immer wieder unser Herzilein. Er schien sich mit rein schmuggeln zu wollen. Ich konnte das gut verstehen. Wenn ich nicht solche Angst gehabt hätte, dass er uns davonlaufen könnte, hätte ich ihn heimlich mit eingepackt und wäre dann völlig überrascht gewesen, wenn er aus dem Korb kletterte… Ja, ich weiß, die Vorstellung ist völlig hirnrissig und würde niemals so funktionieren, aber träumen wird man doch noch dürfen… Irgendwann war das Auto gepackt und der Kater saß wohlbehalten im Haus. Der Zeitpunkt des Abschieds nahte. Mir war ganz bang. Bestimmt musste ich gleich weinen. Ich drehte mich noch einmal zu ihm um und erklärte ihm zum hundertfünfzigsten Mal die Situation. Mit klugen Augen schaute er mich an, strich anschließend um meine Beine und schien sich auch nicht trennen zu können. Mir blutete das Herz. Da fiel mir nur eine Möglichkeit ein: Ich würde ihm zum Abschied etwas Fressi geben, dann wäre er beschäftigt und uns fiele der Abschied nicht so schwer. Gesagt, getan. Ich schloss die Haustür ab und kämpfte tatsächlich mit den Tränen. Wo gab es denn so etwas, dass man weinte, wenn man in den Urlaub fuhr. Energisch riss ich mich zusammen, wischte mir mit meiner Jacke über die feuchten Augen und setzte, als ich zu meiner Familie ins randvoll gepackte Auto kletterte, ein überzeugendes, freudiges Lächeln auf. Sie sollten keinesfalls denken, dass ich mich nicht freute. Meine Kinder durchschauten mein Manöver jedoch sofort, streichelten mir aufmunternd über die Schulter und mein Mann sagte: „Keine Sorge, wenn du heimkommst, hat er sich so an die Nachbarn gewöhnt, dass er dich gar nicht mehr erkennen wird.“ Ich erwog kurz aus dem fahrenden Auto zu springen, denn ich muss nicht erklären, dass mich diese Aussage keineswegs beruhigte. Allerdings beschleunigte mein Mann gerade auf der Landstraße, also hielt ich mich zurück. In meinem Kopf liefen jedoch sofort die wildesten Szenarien ab: Bei unserer Rückkehr würde sich Herzilein nicht mehr an uns erinnern, sondern mit gepackten Koffern darauf warten, zu den Nachbarn zu ziehen. Irgendetwas musste ich doch tun können, damit dieser Fall nicht eintrat! Schon bastelte ich an einem imaginären Plan, wie Herzilein uns keinesfalls vergessen konnte. Aber das erzähle ich euch beim nächsten Mal. Urlaub, nun konntest du kommen!

(©Helen Herrmannsdörfer)

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