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17) Der wahre Herr des Hauses

Kennt ihr das Gefühl, endlich einmal Zeit zu haben? Zeit zu haben für all die Dinge, die sonst immer hinten runterfallen oder liegenbleiben? Nun war es tatsächlich so weit. Meine Familie fuhr für drei Tage zu meinen Schwiegereltern, Oma und Opa. Ich blieb zu Hause, um einerseits den Kater zu hüten (denn ich will auch nicht andauernd die Nachbarn bitten müssen, sich um unseren Vierbeiner zu kümmern) und andererseits ganz viele wichtige Dinge zu erledigen, für die ich sonst keine Zeit hatte. Ja, und um ein bisschen zu arbeiten. Lästig, aber nötig! Fröhlich winkte ich meinen Lieben hinterher und steuerte anschließend zuerst die Küche und dann den Schreibtisch an. Mit einem leckeren Kaffee ließ es sich gleich viel besser arbeiten. Diesen Teil wollte ich zuerst erledigen, dann war es hinterher umso schöner, wenn ich wirklich Zeit hatte. Gerade hob ich an, die Aufsätze zu korrigieren, als es zu meinen Füßen laut schnurrte. Dazu drückte sich das Katerchen fest an diese, um die Not zu unterstreichen. Verständnislos blickte ich zu ihm hinab. „Du hast doch gerade erst gefressen! Du hast keinen Hunger mehr! Jetzt muss Mutti arbeiten!“, teilte ich ihm mit. Als hätte ich nichts gesagt, bearbeitete das Herzilein mein Bein weiter. Das Schnurren schwoll weiter an. Um mich endlich konzentriert in die Arbeit stürzen zu können, gab ich nach, begab mich zum Trog des kleinen Fresssäckchens und füllte ihn. Begierig und völlig ausgehungert stürzte sich dieser darauf. Eilig setzte ich mich wieder an meinen Arbeitsplatz, um endlich anfangen zu können. Gerade hatte ich mich in den ersten Aufsatz vertieft, da schnurrte es wieder. Diesmal rechts von mir. Sprungbereit saß das Herzilein neben mir. Ich lehnte mich kurz zurück. Genau diesen Augenblick passte der Kater ab, um zu mir auf den Schoß zu springen. Er schnurrte laut wie ein Uhrwerk, sah mich auffordernd aus seinen gelben Augen an und beugte sich meinem Oberkörper entgegen. Ich seufzte auf: „Ja, na gut, ich streichle dich ja schon. Aber nur kurz!“ Zur Bestätigung schnurrte Herzilein besonders begeistert laut auf. Als ich wieder nach meinem Stift griff, folgte das Katerchen dieser Bewegung aufmerksam und beschloss, mir zu helfen. Er angelte mit dem Pfötchen nach dem Schreibgerät. Vor lauter Schreck zog ich eine rote Linie quer über das Blatt. Na super! Wie sah das jetzt wieder aus. Als hätte ich alles durchgestrichen. Beherzt schnappte ich mir das Herzilein und setzte ihn auf dem Boden ab. Dieser fand daran aber keinen Gefallen und sprang diesmal zwischen Sessellehne und Rücken. Genervt ließ ich ihn dort Platz nehmen, nur um endlich Ruhe zu haben. Freudig bearbeitete er meinen Rücken und zog mit seinen Krallen feine Fäden aus meinem Kuschel-Pullover. Ich setzte ihn gedanklich auf die Liste der Neuanschaffungen, na toll. Als ich irgendwann Mittagspause machte und anschließend meinen Kaffee im Super-sitz-gemütlich-Sesselchen meines Mannes zu mir nahm, gesellte sich der Kater ebenfalls sofort zu mir und ließ sich auf meinen Beinen nieder. Ich brachte es nicht über das Herz, ihn schon wieder zu verscheuchen und startete die nächste Korrekturrunde viel später als geplant. Was soll ich sagen? Dieses Verhalten zog sich durch die ganzen drei Tage, in denen ich alleine zu Hause war und so viel erledigen wollte. Abends sah das Katerchen mit mir zusammen wunderbare Schmonzetten an und als ich endlich ins Bett gehen wollte, brachte er mir seine Kugel zum Spielen. Ganz ehrlich, wer könnte hier schon widerstehen? Ich nicht. Ich ließ die Kugel enthusiastisch durch das ganze Wohnzimmer rollen und wenn der Kater nicht hinterhersprang, dann tat ich das, denn so funktionierte das Spiel nun mal. Ich hoffte, der Kater würde beim nächsten Mal wieder rennen. Doch dieser setzte sein Sportbewusstsein wohldosiert ein und als ich mich schnaufend neben ihm niederließ und er mich mit einem Blick bedachte, der mir wohl „Selber schuld“ sagen wollte, brach ich ab. Ich ging ins Bett. Der Vierbeiner folgte mir auf dem Fuße, bestens ausgeruht und voller guter Ideen. Begeistert sprang er über die Nachtkästchen, auf die Kommoden und unter die Bettdecke, um nun seine Vorstellung eines Parcours-Sportprogramms zu verwirklichen. Als ich ihm erklärte, dass wir jetzt schlafen würden, sah er mich nur verständnislos an. Seine Zeit war gekommen. Und so versuchte ich, ein Auge zuzutun, während er weiter durch das Haus tobte. Am nächsten Tag ging es ähnlich weiter. Ich schaffte von meinen Aufgaben nicht einmal annähernd die Hälfte. Als meine Lieben nach drei Tagen zurückkamen, stellte mein Mann fest, dass ich mich wohl eher sehr, sehr entspannt hätte, denn von meinem geplanten Pensum hatte ich nicht einmal ein Drittel erledigt, sehr peinlich, wo ich doch vorher geprahlt hatte, dies unbedingt in dieser Zeit erledigen zu müssen. Sollte ich ihm sagen, dass wir einen Despoten im Haus hatten, der es auch ohne Stimme schaffte, über mich zu herrschen? Ich entschied mich dagegen – aus Angst, er könnte das Herzilein deswegen abgeben wollen. Aber heimlich machte ich mich im Internet auf die Suche nach einem Erziehungsratgeber für Katzen. Ich stellte mir etwas in der Art vor wie „Die Katze macht, was sie wollen – 7 Tipps zur Erziehung“. Begeistert bestellte ich mir einige Titel. Die Ausbeute war recht ernüchternd, denn eine Sache kristallisierte sich glasklar heraus: Katzen waren keine Hunde. An sich war mir dies schon klar gewesen, aber vielleicht doch nicht so ganz. Als ich dann auch noch las, dass eine besonders erfahrene „Katzenflüsterin“ diesen einen wichtigen Tipp „Lassen Sie die Katze Katze sein“ hatte, legte ich die Ratgeber weg. Das Geld hätte ich mir sparen können. Denn etwas anderes schaffte ich mit Herzilein sowieso nicht: Der brauchte mich nur ansehen und dabei lautlos miauen, dann hatte er mich völlig in der Tasche und ich tat alles, was er wollte. So ehrlich muss ich sein und neidlos anerkennen: Herzilein ist der wahre Herr des Hauses, komme wer oder was da wolle!

(©Helen Herrmannsdörfer)

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