top of page
  • Autorenbildkunterbuntessofa

4) Lass den Tiger raus!


Jetzt wird es sich entscheiden! Jetzt wird es sich zeigen. Ach, was sage ich, er wird sich zeigen, wenn ich gleich die Pforten öffne. Hoffentlich sind es nicht die zur Hölle… Mit zittrigen Fingern nestle ich ungeschickt an den Verschlüssen der Transportbox rum. Genau verfolgt der Tiger meine Bemühungen. Dazwischen schnellt ein Pfötchen vor. Ich bin mir nicht sicher: Will er mir helfen oder macht er doch Jagd auf meine Finger? Ich halte die Luft an und gleichzeitig kurz inne. Soll ich die Tore in die Freiheit wirklich öffnen? Ein kurzer Blick in die Transportbox genügt – na klar, da wartet einer ganz ungeduldig! Schnell positioniere ich – clever wie ich bin – die geöffnete Leckerlis Packung neben mir, denn ich gebe es zu, Bestechung liegt mir in diesem Moment ziemlich nahe und ich bin mir im Falle einer Attacke selbst am nächsten. Da bin ich ganz ehrlich. Mit absolut einschmeichelnder Stimme säusele ich den Tiger nun voll. Jeder, der mich hören könnte, würde an meinem Verstand zweifeln. Aber wenn ich es richtig in Erinnerung habe, dann ist es in den Hochsicherheitsgefängnissen doch genauso. Mit den angsteinflößenden Psychopathen spricht man in einer viel höheren Stimmlage im hypnotisch beruhigenden Singsang, nicht wahr? Ich könnte dort glatt anfangen, denn genauso verfahre ich mit dem Psychopathen in der Box, äh, ich meine mit dem Tiger, also nein, Kater natürlich! Endlich habe ich das Kunststück gemeistert und die Box ist offen. Mit einer schnellen, schlängelnden Bewegung schiebt sich das Tier aus seinem Gefängnis. Rasch erhebe ich mich und stelle mich hinter den Stuhl. Doch was tut das liebe Tier? Es bleibt stehen und sieht sich erst einmal genau um. Ob alles zu seiner Zufriedenheit ist? Er schaut mich an und kommt in meine Richtung, um ganz sachte und zart um meine Beine zu streichen. Als ich die Berührung spüre, stoße ich die Luft langsam wieder aus. Sieht doch gut aus, noch ist er nicht über mich hergefallen. Ich verbuche dies als Erfolg und werde übermütig. „Komm, Herzilein, komm, schau mal, hier ist feines Fresschen.“ Erwähnte ich schon, wie wir (naja, meine Kinder, also genauer gesagt meine Tochter) das Tier getauft haben? Nein? Tadaa, großer Trommelwirbel! Der Tiger soll „Herzilein“ heißen. Hier hatten mein Mann und ich keinerlei Mitspracherecht und ich weiß nicht genau, wie meine Tochter es schaffte, dass ihr großer Bruder dem Namen zustimmte, aber er tat es. (Aber soll ich euch verraten, was ich tatsächlich denke? Ganz im Geheimen vermute ich, dass sie ihn mit irgendetwas erpresst hat, anders kann ich es mir nicht erklären.) Ich schätze, ich brauche auch nicht zu erwähnen, dass der Tierarzthelferin fast der Griffel vor Lachen aus der Hand fiel, als ich ihr den Namen verriet, den sie in alle wichtigen Portale und den Impfpass eintrug? Das herzhafte Gelächter im Wartezimmer ertrug ich jedoch stoisch und heldenhaft. Aber zurück zum Fressen, ich rufe Herzilein in die Küche und brav folgt er meiner hektisch wedelnden Handbewegung. Das Schälchen habe ich schnell mit feinem Fressi gefüllt. Er schnuppert, beginnt langsam zu schmatzen und hat alle Zeit der Welt. Das wirkt meditativ. Vorsichtig setze ich mich neben ihn auf den Boden und warte ab. Was kommt als Nächstes? Irgendwann scheint der Magen so weit gefüllt zu sein und gemächlich bewegt er sich in Richtung Terrassentür. Nein, raus darf er nicht so schnell, das ist klar. Aber natürlich ist es erlaubt, dass er unseren Garten zunächst von drinnen begutachtet. Ich erkläre ihm die Außengrenzen seines Reiches, ich meine Gartens, genau. Plötzlich springt der Nachbarskater über den Zaun. Oh nein, das war doch überhaupt nicht geplant. Was soll ich denn jetzt tun? Wie es das Schicksal will, kommt er zielstrebig an unsere Terrassentür, hat er das Herzilein gerochen? Auch dieser hat den Kontrahenten wahrgenommen. Na bravo, zwei Kater! Das kann nur Ärger geben. Das weiß sogar ich. Was bin ich froh über die Glasscheibe dazwischen. Aber was passiert da jetzt genau? Die beiden Kater stehen sich gegenüber, Aug in Aug! Ich halte die Luft an, alles scheint elektrisch aufgeladen zu sein. Und das Herzilein? Es knickt ein und wird kleiner und kleiner! „Nein!“ Ich schreie es laut heraus. Das darf doch nicht wahr sein! Herzilein ist nur noch Millimeter über dem Boden und ergibt sich scheinbar dem Nachbarskater. Entschlossen schreite ich ein! Moment mal! Das ist schließlich Herzilein, unser Haus- und Hofkater, nun ein vollwertiges Familienmitglied! Das wird nicht einfach in die Knie gezwungen, nur weil er abgemagert und schwach ist! Ich trete hier für unseren Straßentiger ein, der so lange tagein, tagaus mit den Gefahren auf der Straße zurechtkommen musste. Jetzt soll er es gut haben! Mein Herz blutet vor Mitleid. So nicht, nicht mit mir, lieber Nachbarskater! Es versteht sich von selbst, dass ich dies auch dem Eindringling zu verdeutlichen versuche, indem ich mich vor der Türe aufbaue. Dieser sieht mich jedoch gänzlich unbeeindruckt an, schleckt dann völlig unbeteiligt seine Pfote ab, bleibt ungerührt vor der Tür sitzen und scheint mir mitteilen zu wollen: „Du interessierst mich nicht die Bohne!“ „Na gut“, knurre ich in bester Katermanier, „du hast es so gewollt!“ Der Tiger in mir brüllt, springt auf, fletscht die Zähne und… zieht ruckartig ich die Vorhänge zu, der Kontrahent ist ausgesperrt, haha, der Sieg ist unser! Schweißgebadet setze ich mich in unseren bequemen Sessel. Herzilein taxiert mich genau! Was ist sein Plan? Bevor ich reagieren kann, springt er geschmeidig auf meinen Schoß, um sich dort gemütlich zusammenzurollen. Ich sag ja, ein gemeinsamer Sieg verbindet. Die erste Hürde scheinen wir gemeistert zu haben. Ich möchte ja nicht angeben, aber es war eine absolute Meisterleistung, wie ich finde. Es ist einfach nicht jeder zur Katzenmutti geboren – ganz klar, aber ich gehöre dazu! Bevor ich meine Hand in das Fell des Tigers, der weniger Tiger gerade nicht sein könnte, versenke, flüstere ich ihm noch zu: „Lass den Tiger raus, Herzilein! Zeige allen, wer hier der Chef auf vier Pfoten ist! Yippie-ya-yeah!“ Er schleckt mir über die Hand. Verliebt lächle ich auf das Herzilein runter. Alles super, genauso hatte ich es mir von Anfang an vorgestellt, wenn ich mich richtig erinnere, oder?

(© Helen Herrmannsdörfer)


12 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Comments


bottom of page