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5) Nachts sind nicht nur alle Katzen grau!


Spiel, Satz und Sieg. So sagt man doch, wenn alles supergut, genau nach den eigenen Vorstellungen, läuft, oder? Denn der Kater hat sich nach einem halben Tag bei uns schon prima eingelebt. Ja, ich bin schon ein kleines bisschen stolz, wie souverän ich das alles gemanagt habe. Ganz brav und völlig relaxt liegt das Herzilein schon die ganze Zeit auf dem Stuhl und bewegt sich nirgendwo hin. Wer sagt denn, dass Katzen so viel spielen und entdecken wollen? Also bitte, diese Leute haben doch wirklich keine Ahnung von Katzen. Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe. Ich merke, wie sich diese auch schon auf mich überträgt. Herrlich, ich schnaufe tief durch! Also keinen Stress. Das Herzilein liegt immer noch auf diesem einen Stuhl. Doch das ist kein gewöhnlicher Stuhl, sondern der absolut „Supersitzgemütlich-Stuhl“, auf dem sonst immer mein Mann sitzt. Immer! Das ist der Stuhl, der neben meinem „Supersitzgemütlich- Stuhl“ steht. Dann wird es wohl heute Abend zum ersten Mal eine neue Sitzordnung geben, denn ganz klar, unser Baby, also nein die Katze, Quatsch, der Kater will natürlich nah bei der Mutti sein. Das ist doch wohl mehr als verständlich. Mein Mann grummelt etwas, setzt sich dann beim Abendessen aber brav auf einen anderen freien Stuhl, der auch ganz gemütlich ist, unseren Besucherstuhl. Ich gebe zu, der ist schon bequem, aber halt nicht ganz so wie unsere „Supersitzgemütlich“-Sesselchen. Der Besucher soll ja auch nicht ewig bei uns am Tisch sitzen bleiben, oder? Am Ende findet er es so superbequem, dass er sich vom Frühstück übers Mittagessen bis zum Abendessen „durchsitzt“ und das fände ich schon echt lang, so im Vertrauen gesagt! Zurück zum Vierbeiner: Der Kater weiß eben, was gut ist. Da wird doch wohl keiner eifersüchtig werden! Auf so eine süße Flauschkugel doch nicht! Herzilein okkupiert den Stuhl den ganzen Abend, schläft und lugt nur dazwischen mit einem Auge zu uns. Dann ist irgendwann Bettzeit für die Kinder: Gute Nacht! Sie streichen ihm noch einmal über das Köpfchen, sind aber gleich verschwunden. Der Kater bleibt liegen. Später dann unsere Schlafenszeit. Ich lösche die Lichter. Der Kater reagiert nicht. Ob alles ok ist? Atmet er noch? Ich stiere ihn an. Ja, der Brustkorb hebt und senkt sich leicht. Gut! Gut, gut, gut, nur keine Panik! Was mache ich denn, wenn ich mir nicht sicher bin, ob er atmet? Mund-zu-Mund-Beatmung? Geht das bei Katzen? Besser Herz-Rhythmus-Massage? Wie ist die Anatomie da eigentlich? Vielleicht sollte ich kurz im Internet nachforschen. Nur zur Sicherheit! Also, das ist doch wirklich leichtfertig und fahrlässig, jemandem ein Tier zu vermitteln, ohne eine genaue Anleitung, oder was denkt ihr? Als mein Kopf vor lauter Müdigkeit fast auf den Laptop knallt, gebe ich es auf und gehe doch ins Bett. Katers graue Silhouette hebt sich vom dunklen Stuhl deutlich ab. Es wird schon alles gutgehen. Wenn ich es recht bedenke, habe ich noch nie gehört, dass eine Katze plötzlich nicht mehr atmet und eine Mund-zu-Mund-Beatmung bekam. Nach kurzem Herumwälzen im Bett und furchtbaren alptraumhaften Phantasien (es ist wirklich schlimm, was man sich alles vorstellen kann! Kennt ihr das?) tapse ich in der Dunkelheit noch einmal nach unten, um nach ihm zu sehen! Ich mache kein Licht, will ihn nicht aufschrecken. Grau liegt er da. Eigentlich ist er ja schneeweiß, deshalb kann ich ihn gut erkennen. Nun weiß ich auch, woher das Sprichwort „Nachts sind alle Katzen grau!“ kommt. Der Erfinder muss eine weiße Katze besessen haben, völlig klar! Ich liebe es, wenn ich mir die Welt total logisch erklären kann. Zurück zu Herzilein. Er liegt immer noch auf diesem Stuhl. Ist das normal? Sollte sich so ein Tier nicht dazwischen einmal bewegen oder vielleicht aufs Klo gehen? Ich gehe wieder ins Bett. Da! War da nicht etwas? Ich habe ganz sicher ein Geräusch gehört! Wieder schleiche ich mich nach unten. Meine Schritte-App wird begeistert sein! Der Kater liegt immer noch auf dem Stuhl. Ist das wirklich normal? Leider antwortet er mir wieder nicht. Herzilein, daran müssen wir dringend arbeiten!! Na gut, ich kehre in mein warmes Bett zurück. Schließlich muss ich morgen arbeiten. Bekommt man nicht für die Geburt der Kinder immer freie Tage? Ich finde, das sollte man auch auf Haustiere übertragen, wenn sie zu Hause einziehen. Das lässt sich nun wirklich nicht immer auf ein Wochenende oder die Urlaubszeit legen. Ich nehme mir vor, dies dringend anzuregen. Als ich gerade endlich in ruhige Träume abdrifte, höre ich ein furchtbares, klagendes Jammern! Herzilein!! In der nächsten Sekunde laufen vier Beinpaare hektisch die Treppe hinab und stürmen ins Wohnzimmer. Das Tier sitzt mittendrin und schaut uns jämmerlich an. Acht Hände streicheln es hektisch und alle reden wild auf das Herzilein ein. Mit großen Augen blickt er uns an und kuschelt sich in unsere Hände. Da gibt es nur eine Lösung. Herzilein muss mit nach oben. Er hat sich wohl nicht zurechtgefunden! Das kuschelige Katzenbett legen wir in unser Schlafzimmer neben unser Bett. So sind wir ganz nah dran, wenn unser Vierbeiner irgendetwas braucht. Es ist stockdunkel, nur der Mond leuchtet etwas in den Raum, aber Katzen sehen bekanntlich ja gut im Dunkeln, oder? Ich hebe immer wieder den Kopf, um zu sehen, was der Tiger treibt. „Uah!“ Ein kurzer Schreckenslaut entfährt mir, als ich erkenne, dass er mit leuchtenden Augen direkt neben mir sitzt und mich aufmerksam beobachtet. Bin ich seine Beute? Wollte er sich gerade auf mich stürzen? Zielsicher springt der Tiger zu mir hoch, stiert mich an und… kuschelt sich dann in meine Armbeuge. Puh, Glück gehabt! Meine Phantasie wollte gerade wieder Purzelbäume schlagen! Oh, ok, so ist das also, auch recht. Dann eben kuscheln, das kann ich gut. Komm her, Kleiner! Vielleicht sollte ich ihm noch irgendetwas Beruhigendes erzählen? Ob er Märchen mag oder lieber Tiergeschichten? Von welchem Tier soll ich erzählen? Beim Hund bekommt er bestimmt Angst, bei süßen Mäusen wahrscheinlich Jagdgelüste! Oje, schlechte Idee, ganz schlecht. Ich wähle lieber etwas anderes! Ach ja, Katzen natürlich! Dass ich da nicht früher draufgekommen bin! Als meine Stimme immer schleppender und leiser wird, schlafen wir irgendwann ein. Also, ob er schläft weiß ich nicht, aber wir Vier tun es auf jeden Fall! Viel zu früh klingelt kurz darauf der Wecker. Der Platz in meiner Armebeuge ist leer. Ich habe gar nicht bemerkt, dass Herzilein aufgestanden ist. Ein Schreckensschrei kommt aus dem Bad. Alarmiert laufe ich rüber. Da steht mein Mann, starrt fassungslos in die Dusche und ruft: „So war das nicht ausgemacht! Das ist doch kein Katzenklo!“ Da hat Herzilein in der Dunkelheit wohl etwas verwechselt: Nachts sind wohl nicht nur alle Katzen grau… Gefasst säubert mein Mann die Dusche anschließend, während ich mich auf die Suche nach Herzilein mache. Dieser erwartet mich in der Küche vor seiner Schüssel, bereit zum Frühstück. Fein, wenigstens einer ist ausgeschlafen und hat Hunger. Als Herzilein schließlich brav gefressen hat, schleicht er hinter mir her, als ich die Kinder wecke. Die Begeisterungsrufe der beiden, als sie sehen, wer sie wecken kommt (kleiner Tipp: Sie meinen nicht mich, denn ich tue das ja jeden Tag), sind herrlich. Ich würde sagen: Herzilein ist voll angekommen!

(©Helen Herrmannsdörfer)




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