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7) Der Weg ist das Ziel


Was soll ich sagen? Ich bin begeistert: Unsere Katze mausert sich. Ich meine, sie wird, also er wird, was ich sagen will: Herzilein erholt sich. Als wir ihn bekamen, war er völlig abgemagert, verfilzt und arm dran. Ein echter Straßenkater eben. Aber wenn ich ihn jetzt betrachte, dann quillt mein Herz vor Freude über. Was hatte ich für Sorgen und Ängste, aber siehe da, es war alles völlig unbegründet: Herzilein entpuppte sich als absoluter Vorzeigekater. Allerdings frisst er für sein Leben gern. Ich schätze, da muss er kompensieren. Ist ja mehr als verständlich. Ich habe dazu auch kurz bei Sigmund Freud nachgelesen: Herzileins Verhalten ist absolut nachvollziehbar. Diese Rolle des unersättlichen Fresskaters, quasi der Raupe Nimmersatt, beherrscht er bis zur absoluten Perfektion. Sobald sich ein Familienmitglied nur in Richtung Küche bewegt, saust er schon los. Ich bin überzeugt, dass er irgendwo heimlich einen Bewegungsmelder installiert hat und sobald der bei ihm läutet, springt er in affenartiger Geschwindigkeit auf und läuft, nein, er rast in die Küche. Gerne auch mal zwischen den Beinen des potentiellen Futtermittellieferanten durch, sodass dieser stolpert und irgendwo dagegen knallt. Ich habe immer noch einen gut erkennbaren blauen Fleck am Unterarm, der für allerlei Nachfragen sorgte, so riesig war der. Aber zurück zur Küche: Interessanterweise kann Herzilein auch noch so tief schlafen, aber der Weg in die Küche ist sein Weg nach Mekka, sein Pilgerweg oder besser gesagt sein Jakobsweg unter den Wegen Sobald er und der Futtermittellieferant endlich dort ankommen, setzt er sich neben diesen und blickt ihn mit einem stechenden, durchdringenden Blick flehend an. Dabei bewegt sich sein Mäulchen und man kann mühelos in Lautschrift „Miau“ von seiner Mundbewegung ablesen, denn unser Kater kann nur krächzen. Und das auch nur, wenn er Angst hat, es ihm nicht gutgeht oder er seine Notdurft verrichtet, ansonsten versagt ihm die Stimme. Im Prinzip ist er also stumm. Umso unheimlicher eigentlich, welche Gewalt er trotzdem über uns hat… Das gibt mir jetzt echt zu denken. Vielleicht sollte ich gleich noch einmal bei Sigmund Freud nachblättern, nicht, dass wir hier langsam untergraben werden, vielleicht doch ein Psychopath? Aber um wieder zurückzukommen: Herzilein miaut also im Trockenen, ich und alle anderen Futtermittellieferanten, also Familienmitglieder, werden dadurch sofort in Alarmbereitschaft versetzt, denn wo gibt es denn bitte so etwas Mitleiderregendes und Armes wie unser Katerchen hier? Er kann nicht sprechen und hat so großen Hunger. Sofort schiebt sich folgender Film vor mein Inneres Auge: Herzilein einsam, verlassen und allein, lebte ohne Familie auf der Straße, hatte nichts zu fressen, suchte unter schmutzigen Autos Schutz, wurde immer wieder vertrieben und hatte kein Zuhause. Er durfte keinen Weihnachtsbaum hochklettern (Gedankennotiz an dieser Stelle: Wir müssen ihn unbedingt festbinden! Den Baum, nicht den Kater!), wunderbare Geschenkbändchen langziehen und fröhlich am Familienleben teilnehmen. An dieser Stelle schluchze ich immer auf. Schnell schnappe ich mir das Nassfutterbeutelchen und befülle großzügig den Trog. Jetzt soll es Herzilein besser haben, hier wird er gefüttert, gestreichelt, liebgehabt und er darf hüpfen und springen, wie ein Reh, wenn er möchte. Jeanne d`Arc-mäßig schwinge ich siegessicher den Löffel. Katerchen schmatzt besonders zufrieden: Denn seine Strategie geht auf, der Weg ist das Ziel! Und es ist eindeutig bewiesen: Herzilein ist auf dem richtigen Weg, im richtigen Haus, bei der richtigen Familie. Hach ja, seufz, das ist doch alles großartig! Abends bin ich immer noch ganz beseelt. Bis ich dieses Geräusch, dieses ganz spezielle Geräusch höre. Das Geräusch unter den Geräuschen, das nichts Gutes verspricht und das ich überhaupt nicht mag. Denn es bedeutet immer, dass es jemandem nicht gutgeht. Es heißt aber auch, dass mein Einsatz nun gefragt ist und der heißt: putzen. Herzilein spuckt. Ihm ist schlecht. Er würgt und würgt und würgt. Bis ich endlich bei ihm bin (ich habe ihn erst gar nicht gefunden, wer versteckt sich denn dabei bitte im Keller?), hat er schon Einiges von sich gegeben. Als er mich sieht, läuft er mir schnurstracks entgegen und schmiegt sich an meine Beine. Lautlos maunzt er. Mir blutet das Herz. So ein armes Tier. Beherzt beginne ich zu wischen und zu putzen. Am nächsten Morgen rufe ich sofort in der Tierarztpraxis meines Vertrauens an und schildere die Misere. Auf die Frage, was und wie viel Herzilein gefressen hat, komme ich ins Straucheln. Nun ja, wenn ich die Situation so überblicke, dann frisst er wohl so einige Beutelchen Nassfutter am Tag. Die Schachtel ist fast leer, dabei war ich doch erst vor zwei Tagen einkaufen. Die Sprechstundenhilfe kichert und gibt mir den Tipp, ihn nicht zu mästen, er sei kein Schwein. Haha, sehr witzig! Schwungvoll knalle ich den Hörer auf die Gabel, drehe mich zu Herzilein um, der alles genau beobachtet hat und erkläre ihm seinen künftigen Diätplan detailliert: „Jetzt gibt es erst einmal nur abgezähltes Futter!“ Aber Herzilein ignoriert das Gesagte völlig, setzt sich, sobald ich die Küche betrete, direkt neben meine Füße, rutscht überall hin nach und fixiert mich mit festem Blick, fast schon hypnotisch! Nach einer halben Stunde, in der ich das Mittagessen für die Kinder vorgekocht habe, bin ich nervlich am Ende und absolut sicher: Herzilein betreibt Psychoterror. Aber nicht mit mir, mein Freund! Damit das Katerchen endlich Ruhe gibt, fülle ich etwas Futter in seinen Napf, stelle abgezählt die Ration für den Tag zusammen und schreibe einen großen Zettel für die Küche, den ich gut lesbar aufstelle: „Glaubt ihm kein Wort! Er wurde heute schon gefüttert!“ Schnellen Schrittes und mit einem schlechten Gewissen entferne ich mich aus dem Mekka und beschließe, die Küche heute nur noch im Notfall zu betreten. Ist doch sowieso viel besser für die Figur, beschließe ich. Grinsend beglückwünsche ich mich zu diesem genialen Schachzug. Hach, so hat eben doch alles sein Gutes! Ich sehe mich schon in absolut perfekter Bikinifigur… Während ich noch so vor mich hinträume, grummelt mein Bauch lautstark. Das Frühstück ist schon eine ganze Weile her. Waren da nicht noch ein paar Kekse im Keller? Kurz entschlossen mache mich auf den Weg dorthin. Irgendwo muss noch diese eine Packung Kekse sein, oder? Vor lauter Vorfreude fange ich auch schon fast an zu sabbern, genauso wie unser Herzilein. Sind wir uns vielleicht doch recht ähnlich? Als ich es mir auf der Couch mit der Packung Kekse gemütlich mache, kuschelt sich auch Herzilein zu mir und leckt begeistert die Krümelchen auf. Mahnend blickt mich Sigmund Freud auf dem Tisch vor mir an. Schnell lege ich die Tageszeitung darüber: Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß, oder? Dann beiße ich genussvoll in den nächsten Keks…

(© Helen Herrmannsdörfer)

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