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8) Der Schlaufuchs


Die Zeit vergeht wie im Flug und Herzilein ist aus der Familie schon gar nicht mehr wegzudenken. Im Prinzip dreht sich sowieso alles nur um ihn. Jeden Morgen wird er ausführlich und überschwänglich von uns begrüßt, so als hätten wir uns Jahre nicht gesehen. Zum Dank streicht er uns um die Beine, miaut uns lautlos an und kommt mit ins Bad. Denn das hat er absolut verstanden: Hier wäscht man sich am Morgen. Und, was soll ich sagen? Herzilein wäscht sich auch. Natürlich nicht in der Dusche und am Waschbecken, wo denkt ihr hin, aber er nimmt eine kompliziert anmutende, yoga-ähnliche Pose ein und putzt sich ausführlich. Was haben wir nicht für einen tollen Kater! Stolz betrachte ich ihn dabei, so als hätte ich ihm alles beigebracht. Dabei muss ich mir leider eingestehen, dass ich daran wohl gänzlich unbeteiligt war. Trotzdem bin ich felsenfest davon überzeugt, dass Herzilein sehr schlau ist, wenn nicht sogar oberschlau, sozusagen ein richtiger Schlaufuchs! Er kann genau erspüren, was er in welchem Moment tun muss. Wie ich darauf komme? Na, ich habe ihn beobachtet, wenn nicht sogar genauestens studiert. Denn ich bin sozusagen der Konrad-Lorenz unter den Katzen-Muttis. Ich will euch meine Beobachtungen natürlich nicht vorenthalten: Es beginnt in der Früh. Wenn nicht der Wecker klingelt, dann klingelt Herzilein. Nein, natürlich nicht wirklich, aber wie ich ja schon einmal erwähnte, ist die Zeit zwischen 4 und 5 Uhr seine bevorzugte Aufstehzeit. Wenn wir nicht aufstehen, dann kümmert er sich gerne darum. Sei es, indem er laut im Katzenklo den imaginären Tunnel gräbt oder auf unser Bett springt und mit einem Verstärker (anders kann er in meinen Augen gar nicht solche Laute hervorbringen!) zu schnurren anfängt. Dann beginnt er fröhlich auf dem Bauch zu trippeln, pustet freundlich ins Ohr und beginnt meine Füße unter der Bettdecke zu jagen. Schon bei dem Bauchsprung bemerke ich, dass ich dringend auf die Toilette muss. Kein Wunder, wenn der Vierbeiner auf meiner Blase rumtrampelt. Dies betrachtet der Kater als Aufforderung kläglich lautlos zu maunzen, um auf seinen unbändigen Frühstückshunger hinzudeuten. Wenn ich dann endlich fertig bin, bricht der Kater seine Putzaktion auch sofort ab und stellt sich auffordernd an die Treppe. Selten kann ich dieser stummen Aufforderung länger widerstehen, da er sich auch noch in der Küche auf die Hinterbeine stellt und es kaum erwarten kann, endlich, endlich gefüttert zu werden. Wenn im Laufe des Tages wieder einmal seine Lieblingskugel in den Keller fällt, steigt er sogleich in die Tiefen der Katakomben hinab und holt sie. Regelmäßig breche ich in laute Entzückensrufe aus, wenn er dann am oberen Fuß der Treppe mit der Kugel im Maul erscheint. Jedes Mal rufe ich laut in die Hände klatschend und in die Hocke gehend: „Ja, ei, bist du aber ein feines Katerchen!“, um dann im nächsten Moment einem Familienmitglied, das in der Nähe steht, zuzurufen: „Herzilein ist wie ein Hund!“ Inzwischen antworten mir alle nur noch daraufhin: „Ja, genau, ganz sicher!“ Ich verstehe nicht, wie man das nicht bemerken, darüber nicht begeistert und entzückt sein kann. Herzilein weiß einfach ganz genau, wie er sich verhalten muss, um sich beliebt zu machen. Ein echter Schlaufuchs eben. Ob er das macht, um mir den letzten Rest meiner ehemaligen Hundevorliebe zu nehmen? Vielleicht alles nur eine Masche? Wie ein Hund schleppt er auch gerne sein Spielzeug in das Zimmer, wo wir gerade sind und spielt dann dort. An dieser Stelle überschlage ich mich immer fast vor Begeisterung, denn das ist doch wirklich eine Hundemarotte, oder etwa nicht? Ich, als eingefleischter Katzenkenner, habe so ein Verhaltensmuster bei einer Katze jedenfalls noch nie entdecken können. Sobald ich auch die Balkontüre in den Garten öffne, sprintet er ins Grüne. Nur um sich im nächsten Moment umzudrehen und nachzuschauen, wo ich denn bleibe. Wenn ich nicht in den Garten folge, galoppiert er wieder zurück zu mir, um mich lautlos maunzend, um die Beine streichend, zum Ort seiner Begierde zu locken. Denn alleine möchte er nicht im Garten verweilen, getreu dem Motto: „Da, wo du hingehst, da will auch ich sein!“ Ich finde das so süß! Also, wenn das keine Hundemasche ist, dann weiß ich auch nicht! Ich staune auch jedes Mal wieder aufs Neue, wenn Herzilein, sobald ich von der Arbeit nach Hause komme, mir von der Treppe freudig entgegenläuft. Da habe ich noch nicht einmal die Haustüre geschlossen, geschweige denn die Schuhe ausgezogen oder Hände gewaschen. Das jedoch, so macht mir Herzilein deutlich, wenn ich ihn streichle und begrüße, möchte er gerne übernehmen und schleckt über meine Hände. Wieder so eine Hunde-Dings… Allerdings gab es eine Situation, die mir immer noch zu schaffen macht und ich überlege, ob er nicht der ausgefuchsteste Kater ist, den es gibt: Eines Nachts musste ich auf die Toilette. Herzilein folgte mir wie ein Schatten. Als ich mit krummen, müden Buckel, wild abstehenden Haaren und einem rot blinkenden, dicken Pickel am Kinn, wie mir der Spiegel unbarmherzig verriet, am Waschbecken stand, sprang mir der Kater auf den Rücken. Das hatte er noch nie gemacht! Vor lauter Überraschung wäre ich fast ins Waschbecken gepurzelt. Doch Herzilein krallte sich unbeirrt an meinem Rücken fest, die Kratzspuren sieht man heute noch, und sah mich mit blitzenden Äuglein über die Schulter durch den Spiegel wissend an. War das ein versteckter Hinweis, ja vielleicht eine Botschaft von ihm? Ist er vielleicht doch kein Hund im Katzenpelz, wie ich die ganze Zeit vermutet hatte? Sollte ich etwa die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass wir einen magischen Kater haben, der uns versteht und deshalb alles macht, was ich so toll finde, um dann, wenn wir ihm restlos ergeben sind, seine Pläne durchziehen zu können? Und bin ich am Ende seine dazugehörende Hexe, sozusagen als willenloses, ausführendes Organ? Irgendwie gab es ja schließlich damals bei der Tierärztin, als wir uns das erste Mal sahen, so eine gewisse Verbindung zwischen uns! Jetzt noch einmal in Ruhe! Es gibt genau zwei Optionen für Herzileins Verhalten: Entweder ist er auf mich fixiert und ich bin seine Konrad-Lorenz-Mutti, der er auf Schritt und Tritt folgt (was ich echt toll fände) oder – und das bringt mich an den Rand der Schnappatmung – Herzilein ist mein Hexenkater, ich seine Hexe und er verfolgt irgendwelche Pläne! Gut, ja, ich sehe es ein, meine Fantasie geht wieder mit mir durch, aber die Situation ist nun einmal merkwürdig, oder nicht? Wenn ich es richtig bedenke, müsste ich auch hexen können und davon merke ich nichts. Wobei, wenn ich an die kleine Hexe denke, dann hat das bei ihr auch nie so richtig funktioniert, oder? Ich werde da noch einmal genauer nachlesen. Bis dahin könnte ich, alias Konrad-Lorenz, versuchen, den Kater hundemäßig zu trainieren. Er ist ja schließlich ein Schlaufuchs! Vielleicht lernt er ja zu apportieren? Das wäre dann wirklich wie verhext!

(©Helen Herrmannsdörfer)


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